Jeden Tag deine beste Version
Sofia Pop, 42, DaF/DaZ Trainerin, aus Rumänien, in Österreich seit 2018
Nach mehr als einem Jahrzehnt im selben Unternehmen, stand plötzlich der Abschied bevor. Mit einer Kündigung in der Hand und einem kleinen Kind im Schlepptau, war ich von heute auf morgen in einen neuen Lebensabschnitt katapultiert worden. In dieser Situation hat man zwei Optionen. Sich in eine Ecke setzen, weinen, sich der Depression hingeben und sich fragen – wieso immer ich? Sich im Selbstmitleid zu suhlen tut am Anfang ganz gut. Eine Dauerlösung ist es jedoch nicht, insbesondere wenn man Verantwortung für ein Kind trägt. Ich wollte nie ein Opfer der Um-stände in meinem Leben sein. So war ich nicht programmiert. Und ja, es war auch bis hierhin alles andere als einfach gewesen, aber das Leben gibt uns kein Versprechen, dass es glücklich verlaufen wird. Es stellt uns nur das nötige Werkzeug zur Verfügung und dieses habe ich von A bis Z genützt.
Ich bin in einem Dorf in der Nähe der Stadt Hunedoara (Eisenmarkt) aufgewachsen. Die Stadt zählt rund 50.000 Einwohner und ist bekannt für die Burg Corvin, eine der schönsten mittelalterlichen Burgen Europas. Hier habe ich meine Jugend verbracht und die Schule bis zur achten Klasse besucht. Danach ging ich ins technische Gymnasium und lebte ab dem 14. Lebensjahr in einem Internat. Für ein Kind vom Dorf war das ein großer Schritt. Ich bekam von meinen Eltern ein kleines Taschengeld und den Auftrag, stets bis 20 Uhr wieder im Internat zu sein. Pflichtbewusst wie ich bin, tat ich, was man von mir erwartete, bis es an den Freitagen wieder nachhause ging. Bis dahin war ich für alles selbst zuständig – kochen, Wäsche waschen, putzen, und lernen natürlich. In dieser Zeit wurde ich besonders selbständig und lernte mit Finanzen umzugehen. Was zu Beginn eine einsame Zeit weg von meiner Familie war, entpuppte sich als gute Vorbereitung auf mein späteres Leben. Ich schloss die Matura ab und zog um nach Sibiu (Hermannstadt). Dort studierte ich Deutsch und Rumänisch auf Lehramt. Ich bekam eine Stelle in einem Automobilkonzern in Rumänien und war in der Qualitätsabteilung für Übersetzungen und Schulungen der neuen Mitarbeiter zuständig. Danach studierte ich zusätzlich nebenberuflich BWL und schloss das Studium mit dem Bachelor ab. Im Jahr 2018 zogen mein Mann und ich nach Österreich, da wir über unseren Arbeitgeber die Möglichkeit bekamen, im selben Unternehmen in einem anderen Land zu arbeiten. Weil Rumänien in der EU ist, gab es keine bürokratischen Schwierigkeiten oder beruflichen Unterbrechungen. Wir schafften den Übergang von einer Arbeitsstelle zur nächsten relativ fließend, und auch die Wohnungssuche endete erfolgreich. Die erste kalte Dusche ließ trotzdem nicht auf sich warten. Sie nannte sich „Innviertlerisch“ und war ein Dämpfer für mein Ego. Ich dachte mir: Sofia, du kannst Deutsch. Du hast‘s studiert. Was soll schon schief gehen? Und dann lachten mir Wörter wie feigeln, haut hi, voi, drawig und überhaupst ins Gesicht. Weil ich ein ambitionierter Typ Mensch bin, besuchte ich einen Innviertlerisch-Kurs. Was muss, das muss. Jetzt kommunizieren wir auf Augenhöhe. In Braunau angekommen arbeitete ich als Projektmanagerin. Die ersten sechs Monate waren sehr fordernd. Es war zwar derselbe Arbeitgeber, doch alles andere war neu: die Umgebung, das Team, die Sprache. Es fiel mir schwer, Fuß zu fassen, doch ich habe ein Motto: es gibt nichts, das ich nicht kann. Dieses Mantra sorgte dafür, dass ich hart daran arbeitete, Teil des Teams zu werden. Besonders lange konnte ich mich nicht über meinen Erfolg freuen, denn kurz nach Ende der Karenzzeit, als ich zur Arbeit zurückkehren wollte, bekam ich die Kündigung, wie viele meiner Kolleg:innen auch. Meine Tochter hatte damals bereits einen Krabbelstubenplatz. Um diesen nicht zu verlieren, musste ich also schnellstmöglich wieder eine Arbeit finden. Sich als Mama eines zweijährigen Kindes auf Arbeitssuche zu begeben, war eine ganz neue Herausforderung, doch ab und zu klopft das Glück an die Türe und so bekam ich die Möglichkeit, eine Ausbildung zur DaF/DaZ Trainerin zu machen. Diese dauerte etwas länger als ein halbes Jahr und gab mir das pädagogische Wissen mit auf den Weg, welches im Lehramtsstudium zu kurz kam. Zum Glück fanden viele Lehreinheiten online statt. So schaffte ich die Ausbildung auch neben der Familie.
Mein erster Kurs als BFI-Trainerin war „Büro und Verwaltung“ und eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Ich konnte das Wissen aus meinen bisherigen Berufen anwenden. So vieles in unserem Leben fügt sich erst viel später zu einem Bild zusammen. Wie ein riesiges Puzzle, von dem wir denken, wir hätten die Teile längst verloren, und plötzlich macht doch alles Sinn. Ich erkannte beispielsweise, dass meine eigene Arbeitslosigkeit dazu beigetragen hatte, dass ich mich besser in meine Kursteilnehmer:innen hinein versetzen kann. Der Großteil von ihnen hat Migrationshintergrund, was dafür sorgt, dass ich selbst meinen Horizont erweitern kann. Ich bin in diesem Beruf keine Nummer, sondern jemand, der im Leben der anderen Menschen etwas bewegt. Ich bin der Typ Mensch, der nach Lösungen für Probleme sucht. Diese Eigenschaft kann ich als Trainerin voll und ganz ausleben. Abgesehen davon passt das Arbeitsklima, ich fühle mich im Team gut aufgehoben und bin meiner Vorgesetzten von Herzen dankbar für ihr Vertrauen und die Unterstützung, die ich in all dieser Zeit beim BFI erfahren durfte. Mein Ziel ist es, mich in diesem Bereich weiterzubilden und Mentaltrainerin zu werden. Es ist uns oft nicht bewusst, doch alles beginnt im Kopf. Träume, Ziele, Erfolg, aber auch Integration. Für mich ist die Sprache das A und O, wenn es darum geht, dass Integration klappt. Außerdem sollte man sich die Frage stellen: was bringe ich mit für diese Gesellschaft? Was kann ich gut? Dann folgen alltägliche Aktivitäten wie bewusst unter Menschen zu gehen, deutschsprachige Serien zu schauen und Kabaretts zu besuchen. Alles kleine Schritte, die zum Erfolg führen – wenn man viel Ausdauer und das nötige Mindset mitbringt.


