Zusammenleben in Braunau: Meine neue Heimat
Abas Noori

Zusammenleben in Braunau: Meine neue Heimat

Die Serie „Meine neue Heimat“, entstanden aus dem Prozess „Zusammenleben in Braunau“, stellt Menschen aus verschiedensten Ländern vor, die in Braunau eine neue Heimat gefunden haben. Die Beiträge stammen von Mag. Elma Pandžić. Falls auch Sie Menschen mit Migrationshintergrund kennen, die in Braunau leben und eine interessante Lebensgeschichte mitbringen, schreiben Sie bitte an: elma.pandzic@gmail.com

Heimat ist wie das Sonnenlicht – sie gehört uns allen

Abas Noori, 21, Restaurantfachmann, aus Afghanistan, in Österreich seit 2015

Ich wurde in Kabul geboren. Das ist eine Stadt, die der Großteil der Menschen nur aus den Medien kennt. Die Stadt, in der sich Selbstmordattentäter in die Luft sprengen und die paar Funken Frieden immer wieder im Keim ersticken. Die Stadt, die auf Bildern und in Reportagen mehr grau und trostlos als bunt und friedlich aussieht. Jene Stadt, deren Geschichte wie ein schwerer Stein auf ihr lastet – und doch ist es jene Stadt, die ich 15 Jahre lang mein Zuhause und das meines Bruders und meiner Eltern nannte. Heute bin ich weit entfernt von Kabul und meiner Kindheit. Ich habe einen Teil von ihr dort gelassen und einen auf dem Weg in ein neues Leben verloren, aber so ist es wohl, wenn man auf der Flucht erwachsen wird.

Ich war 15 Jahre alt, als ich den Entschluss fasste, zu flüchten. Ich habe mir nicht monatelang den Kopf darüber zerbrochen. Es war eine intuitive Entscheidung, weil ich mit jedem Tag, der verging, merkte, dass es für mich in Afghanistan keine Zukunft gibt. Die Lage war gefährlich und ich wusste, dass ich mehr verlieren würde, wenn ich bleibe. Ich hatte nicht das Ziel vor Augen, wie viele denken, nach Deutschland zu reisen oder mir in einem anderen EU-Land ein schönes Leben zu machen. Ich wollte einfach raus, um in Sicherheit leben zu können. Ich machte mich alleine auf den Weg und war dreieinhalb Monate unterwegs. Über den Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn bis nach Österreich. Ich hatte viele Weggefährten und war dennoch einsam. Ich würde diesen Weg kein zweites Mal gehen. Nicht, weil ich nicht hier sein möchte oder undankbar bin für mein neues Leben, sondern weil ich die Torturen der Flucht kein zweites Mal mitmachen könnte. Darum rede ich nur ungern darüber, denn manche Lebensabschnitte lässt man besser hinter sich.

In Österreich angekommen, landete ich zunächst in St. Pölten. Danach ging es nach Traiskirchen, wo alle Formalitäten der Erstaufnahme und der Zulassung zum Asylverfahren abgewickelt sowie Unmengen an Bürokratie abgearbeitet wurden. Drei Monate hat es gedauert, bis ich die Berechtigungskarte zum Asylverfahren bekam. Danach durfte ich Traiskirchen verlassen und kam nach Wien. Dort lebte ich ungefähr sechs Monate lang in einem Wohnheim und wurde im November 2015 nach Braunau ins Jugendwohnheim Hotel André weitergeschickt.

Einen Monat später durfte ich endlich mit dem Deutschkurs beginnen. Anfangs war dieser mit mehreren Stunden pro Tag sehr intensiv, doch bald gingen dem Land die Mittel aus und die Stunden wurden gekürzt. Dennoch gab ich mein Bestes, absolvierte als einer der ersten Asylwerber damals die A2-Sprachprüfung und machte schließlich auch einen Interessenstest beim AMS, um herauszufinden, in welche Richtung es beruflich für mich gehen sollte. Es war nicht einfach, sich für einen Weg zu entscheiden, wenn man in der Schwebe hängt. Erst im Juni 2020 bekam ich die „Aufenthaltsberechtigung plus“ für die Dauer von zwölf Monaten. Damals stand meine Zukunft hierzulande also noch auf wackeligen Beinen.

Zunächst wollte ich im Einzelhandel arbeiten, doch trotz zahlreicher Bewerbungen blieb der Erfolg aus. Irgendwann ergab sich die Möglichkeit, im Restaurant Tafelspitz eine Lehre zum Kellner zu machen, und diese Chance nützte ich. Im Juni 2019 absolvierte ich meine Lehrabschlussprüfung. Ich möchte auch in Zukunft in der Gastronomie bleiben, vielleicht sogar eines Tages mein eigenes Restaurant leiten. Sollte ich irgendwann an diesem Punkt ankommen, werde ich schmunzelnd zurückdenken, auch an die mitunter recht kuriosen Momente.

Einmal kam ein Gast zu uns. Er hatte den Tipp bekommen, im Tafelspitz gute österreichische Hausmannskost vorzufinden. Als ich ihn am Eingang begrüßte, dachte er, sein Informant hätte ihm einen Streich gespielt. Enttäuscht sagte er: „Sie sind ja ein Asiate! Ich wollte nicht ins China-Restaurant, sondern österreichisch essen.“ Das sind die Momente, die mich zum Schmunzeln bringen. Wenn ich dann allerdings in bestem Innviertler Dialekt zu sprechen beginne, ist die Sache schnell geklärt. Mit unseren Gästen kommuniziere ich unheimlich gern und habe auf diese Weise auch mein Deutsch „aufpoliert“. Ich finde, Deutschkurse sind eine wichtige Basis, doch die Sprache erlernt man nur durch viel Eigeninitiative, wenig Schüchternheit und die richtigen Mitmenschen.

Apropos, in diesen fünf Jahren, die ich zu den anstrengendsten, aber zugleich schönsten in meinen Leben zähle, habe ich viele Menschen getroffen, die mehr als nur Weggefährten waren. Die Betreuer, die sich um uns kümmerten, meine Chefs, denen ich dankbar bin, weil sie mir als erste die Möglichkeit gegeben haben, mich zu beweisen, und Nina Hofmann mit ihrer Familie, die anfangs meine Paten waren und mittlerweile meine Familie geworden sind. Durch diese Menschen habe ich das Gefühl, angekommen zu sein, ein selbstbestimmtes und sicheres Leben führen und meine Ziele erreichen zu können.

Für mich ist Heimat nicht schwarz oder weiß, sondern „wie das Licht der Sonne, an der die ganze Menschheit teilhat. Sie gehört uns allen.“ (Afghanisches Sprichwort). So gehört auch ein Teil von mir mittlerweile zu Braunau.

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