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Wie ich zu einem „Wissensflüchtling“ wurde…
Ass. Dr. Sead Pandžić

Meine neue Heimat

In dieser neuen Serie in den Braunauer Stadtnachrichten möchten wir Menschen vorstellen, die aus verschiedensten Ländern nach Braunau am Inn gekommen sind und hier eine neue Heimat gefunden haben.

Wie ich zu einem „Wissensflüchtling“ wurde…

Ass. Dr. Sead Pandžić (35), Assistenzarzt in der Abteilung für Innere Medizin am Krankenhaus St. Josef Braunau, in Österreich seit Herbst 2000

Bald werde ich länger in meiner zweiten Heimat Österreich gelebt haben als in Bosnien, jenem Land in dem ich unter anderem während des Bosnienkrieges meine Kindheit und Jugend verbracht habe. Damals, vor 16 Jahren, stand ich vor der wichtigsten Entscheidung meines Lebens, der Wahl des Studiums und damit des zukünftigen Berufes. Mein Vater, mittlerweile pensionierter Primar der Abteilung für Innere Medizin am örtlichen Krankenhaus und meine Mutter, Englischprofessorin, haben mir damals vom Medizinstudium abgeraten. Nicht nur wegen des langwierigen Studiums, sondern weil der spätere Beruf mit langen Arbeitszeiten, vielen Nachtdiensten und wenig Zeit für die Familie verbunden ist. Meine Eltern konnten ein Lied davon singen. Ein großes naturwissenschaftliches Interesse und die Freude an der Arbeit mit Menschen waren stärker als die gut gemeinten Ratschläge meiner Eltern. Daher fiel meine Entscheidung auf Medizin. Meine zweite Leidenschaft Informatik trat als Hobby in den Hintergrund.

Nachdem ich die Aufnahmeprüfung in Sarajewo bestanden und für das Studium inskribiert hatte, ergab sich die Möglichkeit, mein Studium im Ausland fortzusetzen. Da ich neben Englisch auch immer Deutsch lernen wollte, entschied ich mich dafür, nach Graz zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt entschlossen sich meine Eltern auch dazu, auf viele Dinge zu verzichten, um mir und meinem Bruder, mittlerweile fertiger Zahnmediziner, ein Studium und damit eine aussichtsreiche Zukunft zu ermöglichen. Es hat nicht lange gedauert, bis ich mit meinem Koffer am Grazer Hauptbahnhof stand, mit der Hoffnung, in Österreich etwas zu schaffen und die bestmögliche Ausbildung zu absolvieren. Bevor ich allerdings mit dem Studium starten konnte, musste ich Deutsch lernen und die Sprachprüfung bestehen. Die ersten zwei Studienjahre haben mir viel abverlangt. Da das Sprachniveau vor allem für die mündlichen Prüfungen sehr hoch war, musste ich viel Vorarbeit leisten, um überhaupt antreten zu können. An meine erste Prüfung aus Medizin kann ich mich noch gut erinnern. Während die anderen mit ihren Markern das Wichtigste an Inhalt markierten, unterstrich ich zuerst alle Wörter, die ich nicht kannte und im Wörterbuch nachsehen musste. Das Resultat war eines der farbenfrohsten Lehrbücher meiner Studienzeit.

Durch ein tolles Umfeld mit vielen in- und ausländischen Studierenden, ging es mit der Sprache und dem Studium bergauf. Wie die meisten habe ich damals mein Taschengeld mit diversen Nebenjobs aufgebessert. Vom Malern und Kellnern übers Verkaufen von Essensmarken in der Mensa bis hin zu einer mehrjährigen Tätigkeit als Pfleger eines querschnittsgelähmten Mannes. All diese Erfahrungen und die vielen neuen Freundschaften haben meinen Horizont erweitert und dazu geführt, dass ich meine neue Heimat ins Herz geschlossen habe. Natürlich gab es auch negative Erfahrungen im Zusammenhang mit meiner Sprache und Herkunft, doch erscheinen sie angesichts der überwiegend positiven Erlebnisse nicht einmal erwähnenswert.

Nach dem Studium warteten bereits die nächsten Hürden. Die Arbeitssuche für JungmedizinerInnen gestaltete sich damals als relativ mühsam, bürokratielastig und war oft mit langen Wartezeiten verbunden. Das Fehlen von guten Regelungen für Arbeitszeiten, Entlohnung und Zuständigkeitsbereiche führte dazu, dass viele meiner StudienkollegInnen ihre berufliche Laufbahn insbesondere in deutschsprachigen Nachbarländern fortsetzten. Als ich selbst kurz davor war, eine Ausbildungsstelle in Deutschland anzunehmen, empfahl mir eine gute Bekannte das Krankenhaus St. Josef in Braunau. Hier erwarteten mich eine familiäre Atmosphäre, freundliche und hilfsbereite KollegInnen und die Gelegenheit, mich beruflich weiterzuentwickeln. Ich denke, dass der wichtigste Faktor für eine gelungene Integration der beiderseitige Wille zu Kommunikation und Verständnis ist. Jeder Mensch besitzt ein gewisses Potenzial, welches es zu entdecken gilt, damit auch jeder und jede Einzelne einen Beitrag zu dieser Gesellschaft leisten kann. Meine Frau und ich haben in Braunau ein neues Zuhause gefunden und hoffen, dass wir mit unserem Wissen und unserer Erfahrung hier und da etwas zurückgeben können. Ohne die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen hierzulande wäre eine gute Integration nicht möglich gewesen.

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