Im Land der goldenen Mitte

Meine neue Heimat

In der Serie „Meine neue Heimat“ werden Menschen vorgestellt, die aus verschiedensten LĂ€ndern nach Braunau am Inn gekommen sind und hier eine neue Heimat gefunden haben. Die BeitrĂ€ge stammen von Mag. Elma PandĆŸić.

Im Land der goldenen Mitte

Petia Balinski (45), aus Bulgarien, diplomierte Hauskrankenpflegerin, in Österreich seit 1996

Es ist beachtlich, wie schnell sich der Mensch an neue Gegebenheiten in einem neuen Umfeld anpasst und wie schnell er sich an komfortablere Zeiten gewöhnt – manchmal zu gut. Dabei gibt es nichts Schlimmeres als das Vergessen. Es sorgt dafĂŒr, dass man das Hier und Jetzt nicht zu schĂ€tzen weiß. Erst durch den Vergleich mit Menschen, denen es schlechter geht als uns, und durch die Erinnerungen an frĂŒher werden wir demĂŒtig und dankbar fĂŒr das, was wir haben.
Ich bin in Sofia in Bulgarien aufgewachsen. Mein damaliges Leben war ĂŒberschattet vom Kommunismus, der jeden Winkel meines Alltags bestimmte. Heutzutage können sich die Menschen nicht vorstellen, wie es ist, in einem Land zu leben, in dem Informationsbegrenzung herrscht, in dem das Tragen von Jeans verboten und Schokolade so wertvoll ist, dass man sie in Vitrinen, Ă€hnlich einem Schrein, aufbewahrt. Mauern existierten nicht nur in den Köpfen der Menschen, sie waren allgegenwĂ€rtig und sichtbar. Ich gehörte zu den „AuserwĂ€hlten“, jenen Menschen, die Sonderrechte genossen, weil sie Leistungssportler, Musiker oder Politiker waren. Diese Bereiche waren Freifahrtscheine fĂŒr eine Welt außerhalb von Bulgarien. So hatte ich als Basketballerin die Gelegenheit, das Land hin und wieder zu verlassen. Dabei hat mich meine erste Reise nach Sizilien am meisten geprĂ€gt. Ich habe erkannt, dass es eine Welt außerhalb meiner Heimat gibt und ich noch viele Orte entdecken möchte. Nach der Matura war nach dem Kommunismus. Die Freiheit ĂŒber Nacht brachte nicht nur Gutes mit sich. Im Kommunismus waren wir zumindest nicht hungrig gewesen, und auch auf das Gesundheitssystem konnten wir uns verlassen. Nun mussten wir uns mit Essenscoupons herumschlagen, und die Arbeitssuche gestaltete sich sehr schwierig. Zum GlĂŒck fĂŒhrte mich mein Lebensweg 1996 nach Österreich, insbesondere weil ich damals bereits eine zweijĂ€hrige Tochter hatte und mir eine bessere Zukunft fĂŒr sie erhoffte. Steyr war unsere erste Station. Ich freundete mich mit meinem Wörterbuch an, welches beim Einkaufen unverzichtbar war. Ich kann mich noch erinnern, dass ich damals ĂŒberwĂ€ltigt war von der Auswahl an Produkten in den GeschĂ€ften. In Bulgarien gab es eine Sorte von allem, und das musste reichen.
Die deutsche Sprache erlernte ich im Selbststudium, ohne jemals einen Kurs absolviert zu haben. Dank Kassettenrekorder, BĂŒchern und meinem kommunikativen Wesen klappte das ganz gut. Einzig und allein den Innviertler Dialekt lernte ich erst in der Praxis kennen, manchmal in sehr lustigen und teils befremdlichen Situationen.
Als mein Vater schwer erkrankte, kam ich zur Krankenpflege. Ich begann eine Ausbildung im Krankenhaus St. Josef in Braunau, wobei ich es als mittlerweile zweifache Mutter nicht einfach hatte. Am Vormittag ging ich zur Schule, zu Mittag kochte ich und kehrte wieder in den Unterricht zurĂŒck. Danach lernte ich oft bis drei Uhr morgens, immer mit dem Ziel vor Augen, meinen Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Ohne die Hilfe meiner Oma, der TagesstĂ€tte und der schulischen Nachmittagsbetreuung wĂ€re dies nicht möglich gewesen. Ich begann im Krankenhaus auf den Stationen Innere Medizin 1 und Onkologie zu arbeiten, danach im Pflegeheim, beim Roten Kreuz und schließlich bei der Volkshilfe. Ich liebe meine Arbeit, weil es mir nie darum ging, einfach nur Geld zu verdienen. Ich möchte einer sinnvollen TĂ€tigkeit nachgehen. In der Arbeit mit Ă€lteren Menschen fĂŒhle ich mich gut aufgehoben, weil mir der Austausch mit ihnen am Herzen liegt. Dabei versuche ich, Privates und Berufliches zu trennen, damit ich positiv bleiben und meinen Beruf professionell ausĂŒben kann. Das ist alles andere als einfach, wenn es um menschliche Schicksale geht.
Im Nachhinein betrachtet hatte ich großes GlĂŒck. Ich lebe im Land der „goldenen Mitte“. Hier kann ich frei sein, darf reisen, wann und wohin ich will, und darf mich selbst verwirklichen. Ich brauche keinen Luxus im Leben, denn meine wahren SchĂ€tze sind meine Kinder, meine Enkelin und meine Nichte, die ich ĂŒber alles liebe. Ich bin froh, Mensch sein zu dĂŒrfen, in einem Land, das mir so viel ermöglicht hat und in dem ich viele wunderbare Menschen kennenlernen durfte. Um in Österreich Fuß zu fassen, braucht es mehr als den bloßen Wunsch danach. Es zĂ€hlen Wille, Geduld und der feste Glaube an eine bessere Zukunft.

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