Spiel, Satz und Braunau

Meine neue Heimat

Die Serie „Meine neue Heimat“, entstanden aus dem Prozess „Zusammenleben in Braunau“, stellt Menschen vor, die aus verschiedensten LĂ€ndern nach Braunau am Inn gekommen sind und in unserer Stadt eine neue Heimat gefunden haben. Die BeitrĂ€ge zu dieser Serie stammen von Mag. Elma PandĆŸić.

Spiel, Satz und Braunau

Peter Mari, 50, Tennislehrer, aus Ungarn, in Österreich seit 1992

Tennislegenden wie Thomas Muster, Dominic Thiem und Steffi Graf vereint eines: eiserne Disziplin, Tage voller Trainingseinheiten und ein Traum vor Augen, fĂŒr den sie bereit waren, vieles zu opfern. Als Tennislehrer weiß ich, dass es nicht nur um Talent geht, sondern viel mehr um harte Arbeit, die fĂŒr Außenstehende meist unsichtbar ist. Erfolg ist wie die Spitze eines Eisbergs. Das, was ihn bewegt und stĂŒtzt, was ihn ausmacht, liegt meterweit darunter.
Ich wurde in Ungarn geboren, in Hodmezövasarhely, einer Stadt mit etwa 50.000 Einwohnern, deren Namen kaum jemand aussprechen kann. Dort lebte ich bis zu meinem 18. Lebensjahr. Nach dem Gymnasium studierte ich Sportwissenschaften in Budapest und arbeitete anschließend ein halbes Jahr fĂŒr den ungarischen Tennisverband. Das war eine Chance, die nur wenige so kurz nach dem Studium erhielten und fĂŒr die ich sehr dankbar war. Nichtsdestotrotz sollte mich mein Weg woanders hinfĂŒhren.
Im Alter von zehn Jahren war ich zum ersten Mal mit meinem Vater in Braunau zu Besuch. Das ungarische Unternehmen, fĂŒr welches er arbeitete, hatte Verbindungen zu einem Unternehmen in Braunau, und so betrat ich als Knirps schon frĂŒh österreichischen Boden. Die Stadt gefiel mir, doch dass ich eines Tages hier leben wĂŒrde, war damals nicht absehbar. Schließlich stellte ein Freund meiner Familie Kontakt zum Tennisverein in Braunau her, und es ergab sich die Möglichkeit, hier als Tennistrainer zu arbeiten. Die Entscheidung fiel mir damals nicht leicht, da ich eigentlich mit meiner Position in Ungarn zufrieden war. Als junger Mensch sucht man allerdings auch nach Herausforderungen, an denen man wachsen kann, und so nahm ich das Angebot an. Vier Jahre Deutschunterricht in Ungarn waren zwar nicht weltbewegend, aber zumindest eine Basis, um mich mit den Braunauern verstĂ€ndigen zu können. Ich bin immer noch davon ĂŒberzeugt, dass Integration ohne Sprachkenntnisse nicht funktionieren kann, und zugleich ist es ein Zeichen von Respekt, wenn man sich bemĂŒht, die Sprache des jeweiligen Landes zu erlernen. Den Innviertler Dialekt zu verstehen, war dann allerdings ein eigenes Thema…
Ich machte mich selbststĂ€ndig und grĂŒndete die „Tennisschule Innviertel“. Ich betreue zahlreiche Tennisvereine im Bezirk Braunau, im Sommer auf deren VereinsplĂ€tzen und im Winter in der Halle. ZusĂ€tzlich fĂŒhre ich mit meinem Freund Georg Daum die Braunauer Tennishalle, die wir 2007 ĂŒbernommen haben. Georg, der ein SportgeschĂ€ft betreibt, und ich ergĂ€nzen uns sehr gut. Die gemeinsame Arbeit rund um die Tennishalle klappt im Team hervorragend. Eine große UnterstĂŒtzung ist zudem meine LebensgefĂ€hrtin Sabine, die sowohl bei der Organisation der Trainingseinheiten als auch beim Unterricht mithilft. Ein eingespieltes Team ist Gold wert, genauso wie motivierte TennisschĂŒler. Diese stammen aus allen Altersgruppen und bringen oft einen interessanten Lebensweg mit sich. So trainieren bei uns viele ehemalige Fußballspieler, die diesem Sport verletzungsbedingt nicht mehr nachgehen können. Ganz nach dem Prinzip „Man ist nie zu alt, um sich ein neues Ziel zu setzen“, haben sie das Tennisspiel als Ausgleich gefunden. Einen Großteil unserer TennisschĂŒler machen Kinder und Jugendliche aus. Unsere „Kleinsten“ beginnen bereits im Alter von vier bis fĂŒnf Jahren. Je frĂŒher, umso besser, lautet die Devise, denn im Alter von sechs bis zehn Jahren entwickeln die Kinder wichtige koordinative FĂ€higkeiten. Weil diese alleine im Turnunterricht in der Schule nicht ausreifen können, ist es empfehlenswert, eine zusĂ€tzliche Bewegungsmöglichkeit zu schaffen. Es ist eine Freude, mit Kindern und Jugendlichen, denen der Spaß am Tennis anzusehen ist, zu arbeiten. Das ist keine SelbstverstĂ€ndlichkeit, da einige SchĂŒler Tennis nur betreiben, weil ihre Eltern diesen Sport fĂŒr sie ausgewĂ€hlt haben. Das ist leider keine gute Voraussetzung fĂŒr Erfolg. Wir bemĂŒhen uns, Talente so frĂŒh wie möglich zu entdecken und sie zu fördern. Wir richten unsere Kurse nach der Schulzeit und können so auf die BedĂŒrfnisse der SchĂŒler eingehen.
Ich selbst begann im Alter von zehn Jahren mit dem Tennis. Mein Vater, ein ehemaliger Fußballtorwart und Trainer, hatte fĂŒr mich eine Karriere in diesem Bereich vorgesehen. Nach einer Nieren-OP musste ich mir allerdings eine Sportart suchen, die weniger körperbetont war. So kam ich zum Tennis und war sofort Feuer und Flamme. Die bekannte tschechische Tennisspielerin Martina Navratilova hat einmal gesagt: „Der Tennisball weiß nicht, wie alt ich bin. Der Ball weiß nicht, ob ich ein Mann oder eine Frau bin oder ob ich aus einem kommunistischen Land komme oder nicht. Der Sport hat diese Barrieren schon immer ĂŒberwunden.“ Sport bedeutet auch fĂŒr mich Freiheit. Dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte, schĂ€tze ich sehr und bin froh, jeden Tag ein StĂŒck an meine TennisschĂŒler zurĂŒckgeben zu können.

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