Mein Leben ist meine Arbeit, meine Arbeit ist mein Leben

Meine neue Heimat

Diese Serie stellt Menschen vor, die in Braunau eine neue Heimat gefunden haben.

Mein Leben ist meine Arbeit, meine Arbeit ist mein Leben

Adnan Ramić, 36, aus Prijedor, Bosnien und Herzegowina, Jugendcoach – Volkshilfe Arbeitswelt GmbH Braunau, in Österreich seit 2014

 Wenn man Menschen danach fragt, weshalb sie einen bestimmten Beruf ausüben, dann antworten die meisten, dass es die Rechnungen am Ende des Monats sind, die bezahlt werden müssen. Andere wiederum sehen ihren Beruf als Berufung und für Menschen wie mich ist ihre Arbeit nichts anderes als ihr Leben und ihr Leben ihre Arbeit. Das hat nichts mit Workaholismus zu tun, sondern mit der Tatsache, dass ich mit jedem Abschnitt meines Lebens mit genau dieser Tätigkeit verbunden war.

 Ich bin in Prijedor aufgewachsen, einer multiethnischen Stadt im Nordwesten Bosniens mit rund 80.000 Einwohnern. Prijedor zählt zu den bekanntesten bosnischen Städten, wenn es um Kriegsgeschehen geht. Wir haben es im Bosnienkrieg geschafft zu flüchten, doch über den Teil, der danach folgte, rede ich ungern, den konstanten Ortswechsel und die Traumata, die für ein Kind damit verbunden sind. Um es zusammen zu fassen: es war keine einfache Kindheit. Nach Kriegsende sind wir zurückgekehrt und haben es mit viel Mühe geschafft, wieder Fuß zu fassen. Der Wiederaufbau in Bosnien ging in allen Segmenten des Lebens voran und ich musste früh lernen, Verantwortung zu übernehmen. In meiner Funktion als „Jugend-Leader“ (Erklärung folgt unten weiter) tat ich das auch. Prijedor war nach dem Krieg eines der Vorbilder, wenn es um die Integration aller drei Ethnien (serbische, kroatische und bosniakische) geht. So bereisten wir den Balkan, teils auch Europa und zeigten, wie Integration funktionieren kann. In dieser Zeit konnte ich mir ein Netzwerk aufbauen, auf welches ich später zurückgegriffen habe. Ich habe mich nach der Schulzeit für ein Lehramtsstudium mit Schwerpunkt auf Bewegung und Sport in Sarajevo entschieden. Allerdings habe ich nie in diesem Beruf gearbeitet, weil ich schnell im NGO-Bereich gelandet bin und mich dort verwirklichen konnte. Lokale NGOs wurden damals massiv gefördert, um den Heranführungsprozess an die EU zu beschleunigen, aber auch um Bosniens Weg aus der Planwirtschaft hin zur freien Marktwirtschaft, voranzutreiben.

 

Prijedor war eines der Zentren, wenn es um so genannte „Jugend-Leader“ ging, also Menschen, die für Jugendorganisationen tätig waren und eine Brücke zwischen Bevölkerung und Politik darstellten. Ich war damals ein Vertreter für jene, die nach Prijedor zurückgekehrt sind. Bereits 2010 nahm ich eine professionelle Arbeit in einer NGO an und 2012 wurde ich für die Stiftung „Zajednički put“ (übers. „Gemeinsamer Weg“) tätig. Diese wurde gegründet, um die soziale Lage von Kindern und Jugendlichen, insbesondere von jenen mit besonderen körperlichen, wirtschaftlichen und sonstigen Bedürfnissen, zu verbessern. Die Vision bestand darin, gebildete und selbstbewusste junge Menschen als Treiber einer Gesellschaft der Chancengleichheit einzusetzen. Und genau das tat ich. Mein Aufgabengebiet war die Bildungs- und Berufsorientierung, Integration und Inklusion in den Mittel- und Sonderschulen. Dies wurde durch EU Fonds, unter anderem von der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, finanziert. Ich arbeitete zudem als Projektkoordinator für die Stiftung „Mozaik“ und erhielt im Jahr 2013 den ersten Preis beim Filmfestival in Trento, Italien, für meinen Kurzfilm. Ich hatte demnach früh die Ehre, als Vertreter einer Jugendorganisation, ganz Europa zu bereisen und verschiedene Kongresse zum Thema Integration, Zusammenleben und friedvolles Miteinander zu besuchen. In dieser Zeit sammelte ich das Wissen, von dem ich hier in Braunau profitiere.

 

Der Liebe wegen zog ich 2014 nach Altheim. Die deutsche Sprache war mir bereits zum Teil bekannt, alles andere musste ich mir in relativ kurzer Zeit aneignen, denn schnell nach meiner Ankunft erhielt ich das erste Jobangebot. Meine Arbeit in Bosnien und Herzegowina war im Grunde nicht anders als jene in Österreich, bis auf große Unterschiede bezüglich der Fachsprache. Ich hatte deswegen zu Beginn ernsthafte Konzentrationsschwierigkeiten. Ich arbeitete unter anderem für die Volkshilfe Arbeitswelt als Jugendcoach für die Pflichtschulen in Vöcklabruck und bin dann nach Braunau versetzt worden. Ich begleite die Jugendlichen im Übergangsmanagement von der Schule in den Beruf und biete individuelle Unterstützung bei der Perspektivenplanung. Mein Schwerpunkt sind ausgrenzungsgefährdete Jugendliche, jene mit Migrationshintergrund und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen. Ich arbeite im Idealfall eng mit der Schule und dem schulischen Unterstützungssystem (Schüler- und Bildungsberatung, Schulpsychologie, Schulsozialarbeit etc.) und den Eltern zusammen. Als besonders schwierig für die Jugendlichen gestaltet sich der Erwerb der neuen Sprache, das Kennenlernen der neuen Kultur, der Aufbau eines sozialen Netzwerks, aber auch der kulturelle Hintergrund, mit dem viele konfrontiert sind. Hier komme ich ins Spiel und versuche, die Jugendlichen bei der Auswahl des passenden Berufs zu unterstützen. Erfolgserlebnisse motivieren mich enorm, weiter zu machen. So berichtete mir letztens eine junge Frau, dass sie in ihrer Lehre zur Bürokauffrau aufgeht. Sie war es ihr Leben lang gewohnt, für ihre Eltern zu übersetzen und Behördenwege zu erledigen. Wir haben also bald erkannt, dass das etwas ist, was sie gut kann und gerne macht. Es erfüllt mich daher mit großer Zufriedenheit, wenn ich solche Rückmeldungen bekomme. Um es mit den Worten von Max Frisch zu sagen: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“. Potentielle Arbeitnehmer/innen in erster Linie als Menschen mit Bedürfnissen, Wünschen und Fähigkeiten wahrzunehmen, und all das gepaart mit Empathie und dem Vermögen, zu zuhören – das ist meiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg und zu einer gelungenen Integration.

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